Einen Schritt weiter

Woran erkennt man, dass man darüber hinweg ist? Über eine verlorene Freundschaft, über einen tiefen Schmerz, über sein altes Ich?

Es fällt mir so schwer, los zulassen. Immer wieder sind es die selben Dinge, die mich zurückbringen zu dem Punkt, über den ich eigentlich dachte dass ich über ihn hinaus gekommen wäre. Ein Lied, ein Duft, eine Erinnerung, die mich zurückwirft. Ein Bild, ein Datum, eine Erinnerung, die mich vom Freisein fernhält. Ich dachte, ich wäre einen Schritt weiter, aber ich hänge fest in Gedanken und Erinnerungen. Die Vergangenheit klebt an Allem, was ich sehe. Egal, wie weit ich laufe und wie oft ich die Gedanken abschütteln will, ich werde sie nicht los. Ich bin mein eigener Grubenfeind. Wer diese Anspielung versteht, schreibt mir bitte einen Kommentar (; Ich sitze in meiner eigenen Falle und knirsche mit den Zähnen, hole die Kisten unter dem Bett hervor und wühle mich durch alte Sachen.Ich kann es nicht lassen, bin wie besessen und halte mich selbst für verrückt, dass ich mir das antue. Ich räume ich alles wieder an seinen alten Platz, immer in meiner Nähe und das beruhigt mich für ein paar Tage. Aber ich kann jederzeit wieder die Kisten hervorholen und mich in die Grube stürzen und mit den Zähnen knirschen.

 

Eines Tages, da räume ich Alles weg, werfe es raus und mache Platz für ganz viel Neues. Auf einmal wehre ich mich nicht mehr gegen das Vergessen. Ich schmeiße alles raus, was ich nicht mehr brauche und ich hänge mein Herz nicht mehr an Dinge, die schon viel zu lange vorbei sind. Irgendwann kann man mit der Vergangenheit seinen Frieden schließen, wenn die letzte Erinnerung, die man so sorgfältig bewahrt hat, im Müll landet. Wenn die Kiste nicht mehr unterm Bett steht, sondern verbrannt ist und die Grube zugeschüttet ist. Wenn man bei diesem einen Lied nur noch ein leichtes Lächeln auf den Lippen hat und seinen Liebsten im Arm, dann weiß man, dass man darüber hinweg ist. 


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Kommentare: 1
  • #1

    Étienne (Dienstag, 16 Februar 2016 23:55)

    DREIUNDZWANZIG

    Manchmal, bei den ergreifendsten Lebenszeilen die geschrieben werden, schlagen einige Wörter durchs Papier auf die nächsten Blätter durch. Obschon die neue Seite voller unbeschrifteter Weite lockt, zieht mich doch bisweilen der Schatten des Durchschlags immer wieder in seine Nähe.

    Als wäre das Blatt nicht eben, sondern wie eines dieser gemeinnützigen, trichterförmigen Münzspiele in man Geldstücke rollen lässt, damit diese in einer spiralförmigen Bahn nach etwa dreiundzwanzig Sekunden im Loch verschwinden. Loslassen – kurz warten – versunken. Und ich sehe mich schon auf den längst gelesenen Seiten in den Zwischenräumen alter, banaler Worte und schmerzhafter Erinnerungen, die mir nun wirklich gestohlen bleiben können.

    Je näher ich dem Zentrum komme, desto klarer blicke ich in das Antlitz einer seltsam bedrückten Person mit aufgerissenen Augen. Das muss er wohl sein, mein Grubenfeind. Er wirft mir meine alten Gefühle entgegen, sodass meine Gedanken umso mehr über das eigentlich schon Vergessene rotieren. Mit ihnen drehe um mich selbst, ohne Anfang und ohne Ende.

    Bis ich begreife, dass jener nur ein Spiegelbild meiner Selbst ist, rolle ich Runden, die mir fast unendlich scheinen. Die Kreise werden kleiner und ich erkenne am Scheitelpunkt des Leids einen möglichen Ausweg. Er ist die Vergegenwärtigung, dass ich entscheide wie und wohin ich rolle. Gepaart mit der Akzeptanz der unveränderlichen Vergangenheit und der gestaltbaren Zukunft sehe ich für einen Moment im Licht der Hoffnung auf Unerwartetes die ganzheitliche Notwendigkeit von guten und schlechten Erfahrungen. Und plötzlich bin ich außer mir.

    Manchmal begreife ich mich und meine Umwelt erst im Rückblick. Aber zu leicht versenke ich mich dann gelegentlich zu tief in der Melodie alter Tage. Schließlich kann ein übles Lied auch gute Strophen enthalten und mir in jenem Augenblick einen unbezahlbaren Schatz an Erfahrungen bieten. Und so mancher überwundener Schmerz ist einfach zu teuer erkauft, als dass ich nur vergessen will.

    Liebe Hippiekeks, vielleicht muss man nicht immer über alles hinweg kommen bzw. in reflektierter Weise darüber nachdenken, ob man darüber hinweg ist, sondern auch das schlechte eher als Erfahrung annehmen. Und sollte der Grubenfeind dich doch besetzten wollen, lass einfach konzentriert in Gedanken eine Münze in dreiundzwanzig Sekunden spiralförmig irgendwo RAUS rollen ;)

    Pardon, ist jetzt doch länger geworden.
    Und bitte lass uns weiter an deiner Art in Bild und Poesie teilhaben.

    Mit bestem Gruß

    Étienne